: : : : : : : : : :[GOMS NOTIZEN]: : : : : : : : : :
Dieser Blog dreht sich ums Studentenleben in Korea. Die Hauptseite meiner Blog-Welt ist unter folgender Adresse zu sehen:
Mittwoch, 14. März 2007
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Ein noch schönerer Tag 어제보다 더 좋은 하루
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Als ich vor einem halben Jahr von Herrn Brochlos hörte, dass die Möglichkeit bestehe mich zum Dozenten in Korea zu machen, dachte er , dass er mich trösten will - und glaubte ihm nicht.
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Als ich danach freudig meinen Eltern erzählte, dass ich Dozent wurde, freuten sie sich mit - aber glauben, dass sie mir glauben, tat ich nicht.
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Als ich einigen meiner Freunden und insbesondere meiner Exfreundin davon erzählte - glaubten sie mir nicht.
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Als ich heute offiziell als der neue Dozent in Seochang eingeführt wurde - glaubte ich es selbst nicht.
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Es ist unglaublich, was mir heute an Sympathie, Respekt, Freude, Wärme und sonstigen menschlichen Gefühlsregungen entgegen geflogen ist. Doch der Reihe nach.
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Angefangen hatte der Tag, um es vorsichtig auszudrücken - suboptimal bis beschissen. Mich immer noch nicht an die 12-Stunden-Uhr gewöhnt habend, stellte ich mir meinen Alarm und ging schlafen. Und anstatt um 5 Uhr morgens wachte ich um 8 Uhr auf. Mein Wecker war auf 5 Uhr nachmittags gestellt; im Koreanischen nur der Unterschied einer kleinen Silbe, die man im Halbdunkel einer Handybeleuchtung vor dem Schlafengehen schon mal unterschlagen kann.
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Jedenfalls fing es wieder einmal so an, wie jedes Mal, wenn ich einen wichtigen Termin habe. Bei der Fraktion? Das erste Mal wegen eines Missverständnisses eine halbe Stunde zu spät. Beim Vorstellungsgespräch für das Stipendium? Vollkommen vergessen. Und nun anstatt um 8 Uhr in Seochang zu sein, um 8:20 noch im Crimson House.
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Ich in Panik, da ich den Shuttlebus um 6:10 Uhr ja deutlich verpasst hatte, Prof. Ahn geschrieben und er meinte nur, dass es kein Problem sei. Ich also anstatt mich schön frisch zu machen, in einigermaßen vorzeigbare Klamotten geschlüpft und noch immer in Panik mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, wo jede halbe Stunde ein Zug nach Jochiweon fährt.
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Gegen 11 war ich dann endlich in Jochiweon und Herr Ahn begrüßte mich herzlich. Es war im Endeffekt gar nicht schlimm, dass ich so spät komme - er hatte den 6:10er Bus nur empfohlen, weil der kostenlos ist und er Züge so unbequem findet. Was ich wiederum überhaupt nicht finde. Der Saemaul-Zug ist zwar altmodisch aber die Sitze sind derart bequem und der Preis von 13.200 Won (ca. 11 Euro) für etwa 160km Fahrt ist auch nicht unbedingt unangemessen... Nicht zuletzt läuft alle paar Minuten eine Kaffeetante durch den Wagen und bietet Frühstückskaffee an. Und was meinen Vater interessieren dürfte: Hier gibt es in den Regionalzügen noch richtige Speisewagen...Hatte ich übrigens erwähnt, dass auf dem Bahnsteig an der Rolltreppe jeder Fahrgast vom Zugschaffner persönlich mit Verbeugung begrüßt wird?
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Zurück nach Seochang - ja, das wird heute ein längeres Posting. Mein "Büro" war das Studienzimmer der Studenten an der Uni, wo erst einmal 2 Studenten lagen und schlafen. Ahn war das sichtlich peinlich und er herrschte sie ziemlich an, endlich aufzustehen und aufzuräumen, denn der Raum war gelinde gesagt in einem saumäßigen Zustand.
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Lernüberlastung und koreanische Hygienemissachtung? Nein, die Vorurteile bestätigten sich nicht wirklich. Sie hatten gestern bis 5 Uhr morgens (da wo ich hätte aufstehen müssen ^^) ihre Gaegang-Party, also Semestereröffnungsparty und da wurde der Raum ein wenig verwüstet. Bei ihrem Versuch für den hohen Gast aus Deutschland ein Büro einzurichten, waren sie aber wohl ein wenig steckengeblieben.
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Wie auch immer, wir kamen schnell ins Gespräch. Einer nahm meinen Laptopkoffer, eine hielt mir die Tür auf - ich fühlte mich wie der Kaiser von China; oder halt der Deutsche von Seochang.
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Nach Campustour gings zum gemeinsamen Mittagessen in die echt gute Mensa in Seochang - deutlich besser als auf dem Anam Campus. Gemischter Reis mit Gemüse und Thunfisch, 3 Beilagen und Beisuppe für 2,200 Won - besser für einen solchen Preis habe ich noch nie gegessen, aber genau genommen habe ich ja nicht bezahlt - denn die Studenten meinten trotz meiner deutlichen Proteste (3-fach, wie man es im Reiseführer lernt ;D) ihren neuen Dozenten einladen zu müssen.
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Wenn man jetzt aber von diesem ganzen Respekt liest, könnte man denken, dass es recht eisig zugegangen ist - von wegen. So offene, witzige Menschen, jeder ein anderer individueller Charakter, mit denen man sofort warm wurde und trotzdem so respektvoll behandelt wurde - einmalig!
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Der Campus selbst übrigens ist so wie die Godae in Anam vor 5 Jahren - im Umbau begriffen. Einige Gebäude sind von außen schäbig, einige sehr modern - innen sind alle modern. Professor Ahns Büro zum Beispiel kann man nur mit einer persönlichen Karte betreten, die an einen Sensor gehalten werden muss.
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Wie auch immer, wir gingen also über den Campus und überall begegneten wir Studenten der Anglistik und Germanistik, die sich vor mir verbeugten und total aus dem Häuschen waren. Nebenbei gebe ich nämlich auch noch ein bisschen Englischkonversation für diejenigen, die noch nicht genug Deutsch können - und das sind im Moment so ziemlich alle Erstsemestler hier.
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Um es kurz zu machen; ich habe eine Menge Telefonnummern bekommen, eine Menge neuer Namen gelernt und wenig Zeit gehabt Computer zu spielen, da entgegen aller Erwartungen die Leute praktisch Schlange standen, um mit mir ein wenig zu reden und sich vorzustellen. Bald kristallisierte sich so eine Gruppe von 5-9 Studenten raus, die mehr oder weniger die ganze Zeit (zwischendurch waren Vorlesungen) um mich herum waren und so lernten wir tatsächlich etwas zusammen.
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Diese Wissbegierigkeit, diese Dankbarkeit für jede kleine Korrektur, für jede Hintergrundinformtion - es ist einfach unglaublich. Da nebenan Studenten der Anglistik immer Krach machten, kriege ich jetzt wahrscheinlich sogar einen eigenen Vorlesungsraum, wo wir dann richtigen Unterricht machen können - Ich glaube es waren alle gleichermaßen überrascht, dass bereits am ersten Tag das Interesse so groß ist, dass wir jetzt einen richtigen Unterricht machen können/müssen/sollen.
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Nächste Woche ist M.T., eine Art Klassenausflug des Fachs und ich soll mitkommen. Es geht in die Berge und es wird sicher verdammt lustig.
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Die Studenten wollten mich gar nicht gehen lassen; um 7 kam der Bus nach Anam zurück und den sollte ich auf keinen Fall nehmen; mir wurde gar angeboten bei einem der Studenten im Zimmer zu übernachten, sodass ich dann morgen früh nach Seoul zurückfahre. Als ich aber darauf bestand noch heute Abend zurückzufahren, gingen wir halt "nur" Schweingrillen mit Knoblauch und Soju.
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Dieses Schweingrillen artete in einem Gelage epischer Ausmaße aus. Wir waren 6 Personen und aßen Fleisch für 9, bekamen ständig neue Beilagen, tranken Bier und Soju und am Ende kam die Ajumma noch mit ein paar Schüsseln Reis, Sauce, Kimchi und machte uns noch Bratreis auf den Fleischpfannen, was zwar noch einmal ne Menge Kalorien, aber mindestens ebenso viel Genuss bedeutete. Manchmal wird übrigens auch Mut belohnt: Als Beilage zum Schwein gab es unter anderem Eier, die relativ klein waren. Ich hatte große Angst, dass es Taubeneier oder ähnliches sein könnte oder dass mich gar ein Fötus drinnen begrüßen könnte, doch gerade sehe ich im Wörterbuch, dass das, was ich gegessen habe WACHTELEIER waren....Wird hier wie Reis oder so weggehauen ^^
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An der Landluft schmeckt sogar das koreanische Essen noch besser als es eh schon schmeckt. Zudem ist es beruhigend mal aus dem Fenster zu gucken und außer einem Berg nichts zu sehen.
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Wer aber denkt, wir sind mitten auf dem Dorf, sollte sich nicht täuschen. Jochiweon, das im Tal gelegen ist, ist eine Stadt mit mehr 100.000 Einwohnern und allen Annehmlichkeiten. Genau genommen war heute das Ankommen auf dem Hauptbahnhof in Jochiweon das erste Mal, dass ich an Deutschland erinnert wurde - Bahnhofsvorplatz, 4-stöckige Häuser, Busbahnhof, Taxistand... Ein bisschen Bonn nur in Beton ;)
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Die Rückfahrt mit dem Shuttlebus für Dozenten war zwar bequem, aber dauerte dafür auch ne halbe Stunde länger als die Fahrt mit dem Zug - dafür war sie kostenlos und es gab Flachbildschirme.
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Jetzt sitze ich zuhause - wieder normaler Austauschstudent, der morgen im Unterricht wieder dem Professor großen Respekt entgegen bringt, sich aber insgeheim schon wieder auf nächste Woche freut bzw. genau genommen schon auf dieses Wochenende, wenn einige der Studenten mich in Seoul besuchen kommen.
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Hatte ich schon mal geschrieben, dass ich mein Leben hier liebe?
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Label 레이블 Arbeit, Erlebnisse, Global KU
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4 Kommentare 덧글:
Ich freu mich tierisch für dich!
Ansonsten hat Jenny schon ein Ferienhaus gemietet und ich soll dich und Jakub dazu bringen, doch nach Daegu zu fahren und danach Richtung Kyeongju...
toooooooll!!!
Wie schön, dass du so ein tolles Leben führst! Ich beneide dich, wie so oft....
P.S. Wer ist denn der kleine blonde da in der mitte des Bildes....
Hey, das klingt ja wirklich alles traumhaft... Wünsche dir auf jeden Fall weiterhin so schöne Tage!
Mal sehen, was Japan die nächsten Wochen für mich bereit hält... In drei Tagen weiß ich jedenfalls mehr... :)
Viele Grüße (und ich hoffe ja immer noch auf Tokyo :) )
Patrick
@patrick: Ja, ich hoffe auch...aber das Wochenende am 23. is ja nun mit "Arbeit" verplant, um Mitte April kommt schon ein Kumpel aus Berlin.
Bleiben eigentlich nur die beiden Wochenenden dazwischen, wo bist du da?
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