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Dieser Blog dreht sich ums Studentenleben in Korea. Die Hauptseite meiner Blog-Welt ist unter folgender Adresse zu sehen:

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Samstag, 24. März 2007

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Die Geschichte von ein ganzes Schwein, sein Fleisch und seine Heimat
되지고기도 고향이 있단 이야기
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Ich komme soeben nach 5 Stunden Fahrt aus Samtan zurück, wo ich das Lehrpersonal der KU beim MT der Germanistik vertreten musste/durfte/konnte/habe.
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Fangen wir hinten an, also jetzt: Fahrt niemals und ich sage euch niemals mit dem Juckelzug samstags nach Seoul zurück auf der Haupteisenbahnlinie Seoul-Busan, auf der auch Jochiweon, also der Außencampus der KU liegt. Denn in Korea gibt es kein "ausgebucht" bei Zügen. Die Tickets werden nur billiger, wenn es keine Sitzplätze mehr gibt. So brachte ich als 1:37 Fahrt auf dem Boden auf einer Zeitung zu und dass ich für die 170 Km gerade einmal knapp 4 Euro bezahlte, machte die Sache nicht besser. Jedenfalls war geteiltes Leid halbes Leid und ich wechselte mich mit einer netten Ajumma auf dem Heizungsvorsprung ab, wo man leidlich sitzen konnte.

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Hinfahrt
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Vor langer langer Zeit kam ich einmal in Seochang an, das Wetter war grandios und ich wurde von Juyong, dem Vorsitzenden des Studentenvereinigung, vom Bahnhof abgeholt. Wir fuhren auf einen traditionellen Markt, wo wir noch ein wenig einkauften für das MT.
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Ein wenig heisst: 5 Kilo Schweinshaxe, 20 Kilo Schweinefleisch, 30 Kilo Kimchi, 50 Packungen Ramyeon und 60 Flaschen Soju. Für 40 Leute. Dazu eine 30 Kilotonne Knabberzeug und weitere Mülltüten voll nur mit anderem Knabberzeugs. Da habe ich irgendwann aufgehört zu zählen.
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Los gings mit dem Reisebus, dessen wichtigstes Utensil ein Flachbildschirm und eine eingebaute Fernseh-, CD- und Karaokeanlage.
Als Busfahrer hatten wir den "King of Ajeosshi" mit getönter Sonnenbrille, gefärbten Haaren und gestreiftem Hemd, der wahrscheinlich im Hauptberuf einen Massagesalon betreibt.
Jedenfalls ging es bald los und wer jetzt klischeehaftes Schlafen erwartet hatte, wurde von einem anderen Klischee überrascht: Alle fingen an KU-Lieder zu singen und als diese vorbeigingen, wurde kurzerhand die Karaokemaschine angeworfen.

Kann man den Unterschied zwischen Deutschland und Korea treffender ausdrücken: In Deutschland inzwischen Gurtpflicht im Bus, in Korea Singpflicht?
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Samtan
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Irgendwann kamen wir dann in Samtan an und ich dachte mir: Sind wir hier richtig?
Samtan besteht aus gezählten 8 Häusern: 3 mal Supermarkt, Restaurant und Herberge in einem, ein Hühnerzüchter, eine Polizeistation, eine Bücherei und 2 Wohnhäuser. Gut, genau genommen noch 2 weitere Häuser auf der anderen Seite des Flusses.
Womit wir schon zur Lage kommen. hoch über einem Fluss in einer Biegung, umgeben von 3 Gipfeln.
Kurzum, das Korea, das ich so sehr liebe, auch wenn es bedeutend schönere Ecken gibt, aber fließendes Wasser, Nadelbäume, Felsen, Kraniche im Flug...So ein wenig kam schon da wieder das Gefühl auf in der Natur zu sein.
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MT

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Die Koreaner interessierte die Natur - wie befürchtet - eher wenig und während sie alles auspackten, versuchte ich mich abzusetzen und konnte immerhin 10 Minuten Spaziergang allein Wald rausschlagen. Allein sein war sowieso so eine Sache bei dem ganzen Ausflug. Immer, wenn ich allein rumstand, wurde gefragt, was los sei, ob alles in Ordnung sei. Im Bus, wo ich einfach nur hätte schlafen wollen, wechselten sich die Mädels mit "Nebenjansitzen" ab, genau wie beim Abendessen, bei den Spielen etc. Bis zu einem gewissen Maße ist es ja witzig so im Mittelpunkt zu stehen und ständig gesagt zu bekommen wie toll man sei, aber irgendwann wiederholt es sich.
Da ich Geschichten nicht gern dutzende von Malen erzähle (deshalb z.B. auch dieser Blog :D), war es schon nervig, wenn jedes Mädel ihre "10 Minuten mit Jan" dazu nutzte mich nach meiner Lebensgeschichte zu befragen.
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Bald war Völkerball angesagt, verschärftes Völkerball nach koreanischen Regeln. Ein Junge und ein Mädel werden zusammengebunden und der Mann muss das Mädchen beschützen. Ausnahmsweise war meine Statur hierbei ein Vorteil und wir waren das zweitletzte Pärchen, das ausschied (in Deutschland sagt man dazu wohl "2. Sieger") und wieder einmal waren mir die Huldigungen der Mitgereisten sicher: Guckt euch an, Jan kann nicht nur koreanisch, er kann auch einen Ball fangen...
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Nachdem der Alibi-Sport nach einer Stunde abgehakt war, gings zum eigentlichen Zweck des Abends über: Fressen und Saufen. Die Grills wurden angeschmissen, der Soju ausgepackt, der Kohl geschnitten, der Salat gewaschen und schon rollte das Fleisch. Muss ich erwähnen, dass sich wiederum die Mädels (und inzwischen auch einige Jungs..hust) fast darum kloppten mich mit selbstgebastelten "Fleisch, Kimchi und Reis in Salatblatt"-Kombinationen zu bezirzen.
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Als wir das Fleisch vernichtet hatten, ging es weiter mit Saufen.
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Enjoy Game Time
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Als Verdauungsspaziergang gab es Indoor Activities, nämlich Kindergeburtstag. Pantomime, Luftballonszertreten und ähnliche Spielchen brachten die Stimmung - wie auf jeder 12. Geburtstagsparty - zum Kochen, nur dass hier nicht Mutti mit Kuchen reinkam, sondern Mutti mit Soju und Kohl.
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Sektenlaune
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Nachdem wir die erste Kiste Soju geleert hatten, ging es weiter, dies Mal war allerdings nicht freies Saufen angesagt, sondern "Kerzenlichtfeier", ein Programmpunkt, der eher an christliche Sekte als an Saufgelage erinnerte. Vollkommen dunkler Raum - jeder Student eine Kerze. Einer nach dem anderen sagt einen Wunsch auf, den er für die Gruppe hat, bläst die Kerze aus und trinkt sein Glas aus. Sehr bewegend, sehr einsichtgebend in die Gedankenwelt eines koreanischen Studenten und ich habe auch ein kleines Sprüchlein formuliert... Aber, was ich gesagt habe, darf ich nicht sagen, denn das muss in der Gemeinschaft bleiben.
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Hitler - Kaiser der Faschisten
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Danach ging es zum Lagerfeuer, das schon fast SS-Spaß war. Wir übergeben den Flammen Reiswein und Holz...Jedenfalls ging es erst Mal darum sich warm zu singen mit allerlei KU-Liedern, die ich jetzt auch alle drauf habe. Leider war ein Lied dabei, das ich im Nachhinein nicht mehr so schlimm war, gerade weil die Choreographie ja eigentlich witzig war, aber ich fands einfach blöd, dass der Name vorkam.
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"파쇼의 제왕 히틀러에게 아들이 일곱명 있었는데요. 그 중에 하나는 ...."
"Hitler, Kaiser der Faschos hatte 7 Kinder. Von diesen war eines..."
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Und dann kam immer eine Bewegung, sodass am Ende nur noch rumgezappelt wurde. Ich war erst ein wenig geschockt, um nicht zu sagen, angewidert. Wie kam dieses Lied dahin? Verstand jeder, dass es darum ging, sich ueber Hitler lustig zu machen oder fanden einige Hitler lustig? Die Hitlerbar in Busan kam mir in den Sinn - und wie sehr ich schon von deutscher Vergangenheitsbewaeltigung durchdrungen bin, dass ich selbst sturzbetrunken so etwas nicht allzu lustig finden kann.
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Wie auch immer, die restlichen 99% der Lieder waren superwitzig und als ich ihnen erzaehlte, dass sowas in Deutschland problematisch waere, entschuldigten sich einige sogar, was ich dann doch wieder zu viel war.
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Saufgelage
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Nachdem die Gruppenidentitaet bei Lagerfeuer im stroemenden Regen weiter gefestigt wurde, ging es wieder rein, um sich das zarte Kehlchen ein wenig mit Soju zu befeuchen, dies Mal mit allerlei Trinkspielen, von denen ich nur bei der Haelfte die Regeln verstand und deshalb staendig verlor. Es waren immer nette Maedchen da, die mir meine "Pflicht" abnahmen, aber irgendwann musste ich Muedigkeit und Alkohol meinen Tribut zollen und ich zog mich in ein unbelegtes Zimmer zurueck, schnappte mir nen Haufen Decken und Kissen und schlief.
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Als ich in der Nacht aufwachte, lag vor und hinter mir jeweils ein Koreaner, eng an mich gekuschelt und ich zweifelte einen Augenblick lang, ob hier nicht vielleicht etwas ganz schief gelaufen sei. Als ich mich umschaute, war aber in allen Zimmern das gleiche Bild zu sehen: Zu Buendeln zusammengekuschelte Koreanergrueppchen. Kulturunterschiede koennen manchmal so toll sein. Trotzdem haetten ruhig ein paar von den netten Maedels noch bei mir rumliegen koennen: Die waren aber inzwischen scho wieder wach und fingen an Fruehstuecksnudelsuppe zu kochen, so wie sich das gehoert.
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Morgenstille


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Mal abgesehen von dem Gekicher, derjenigen, die wach waren und die Schlafenden mit Edding bemalten (kein Kulturunterschied, ich erinnere mich noch sehr genau an die Abifahrt ...), war es absolut ruhig, zivilisatorisch gesehen. Ein paar Kraniche und Reiher roehrten um die Wette, der Regen prasselte, die Berge nebelverhangen. Dies war das Korea, dem der Name "Land der Morgenstille" gegeben wurde. Unglaublich schon, so etwas erleben zu duerfen und trotzdem in 10 Meter Reichweite alle Annehmlichkeiten der Zivilisation zu haben.
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Zivilisation
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Leider gibt es erst ab morgens wieder Fotos, da abends meine Kamera versagte. Bevor ich jedoch auf die Idee kam, dass die Studentenvereinigung dafuer gesorgt hatte, Handy- Kamera und PortableTV-Ladegeraete jeglicher Couleur mitzunehmen, war der Abend schon vorbei.
Ueberhaupt - die Organisation. Alles passte, alles stimmte. Jeder packte mit an, war sich seiner Rolle bewusst, an alles wurde vorher gedacht und es war trotzdem nie das Gefuehl, dass man jetzt irgendwas machen MUSS. Man konnte sich bei jedem Programmpunkt zurueckziehen, woanders hingehen etc. Ein echtes Lob an die Gruppendynamik der Koreaner, die leider nur immer negativ gesehen wird, aber auch ihre wirklich positiven Seiten hat.
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Und damit sind wir am Ende des Berichts angelangt.
Ach nein, nicht ganz. Der fuer mich schoenste Moment des Ausflugs war mitanzusehen, wie ein Maedchn einen Hund nicht mehr los wird. Ich sass auf dem Maru (Veranda) unserer Herberge und vor mir spielte sich ein tolles Schauspiel ab. Hund naehert sich an dummes Maedchen an, dummes Maedchen will Hund wegscheuchen, Hund springt an Maedchen hoch, will spielen. Maedchen rennt weg, Hund rennt hinterher, Maedchen rennt die Treppe raus, Hund rennt die Treppe rauf. Das ging ohne Quatsch etwa 10 Minuten, bis es dem Hund zu bloed wurde. Ich sass da ganz ruhig auf meinem Maru, im Hintergrund die Berge und im Vordergrund die Gewissheit 1. dass Hunde manchmal doch ganz witzige Tiere sind und 2. es auch ganz schoen dumme Koreaner gibt.
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1 Kommentare 덧글:

Anonym hat gesagt…

Drei Buchstaben!

O M G


PS: Tolle Videos *g*